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Wir leben Werkstatt! – Warum sich ein Blick hinter die Kulissen lohnt

Mai 7, 2024 | Allgemein

Werkstätten für behinderte Menschen stehen regelmäßig auf dem Prüfstand von Politik, Gesellschaft und mehr oder weniger selbsternannten Meinungsbildnern. Sie gehören abgeschafft, lautet oftmals die Antwort der Kritiker auf die Frage nach dem Fortbestand. Warum diese Forderung zu kurz gedacht und an dieser Stelle ein Schwarz-Weiß-Denken mehr als unangebracht ist, wollen wir exemplarisch am Lebenshilfewerk Ilmenau/Rudolstadt e.V. darstellen.

Podiumsdiskussion

Katja Heinrich, Geschäftsführerin des Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung – Landesverband Thüringen e.V., mit Thomas Haupt, Vorstand des Lebenshilfewerk Ilmenau/Rudolstadt e.V.,
Foto: Lebenshilfewerk Ilmenau/Rudolstadt e.V.

„Menschen mit Behinderungen“, so definiert es der Gesetzgeber im Neunten Sozialgesetzbuch (§ 2 Abs. 1 SGB IX), „sind Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können.“ Das klingt komplex und ist es auch. Würde jeder Beeinträchtigung eine Farbe zugeordnet werden und auch unter der Voraussetzung, dass Menschen nicht nur eine Beeinträchtigung haben können, dann wird es ziemlich bunt. Und so ist auch die Realität, auch bei Menschen ohne Beeinträchtigung. Hier wird auf der Farbpalette die Beeinträchtigung einfach gegen zum Beispiel die Haarfarbe getauscht. Siehe da – bunt. Je mehr verschiedene Attribute einem Menschen zugeschrieben werden, umso bunter wird es. Diese Vielfalt macht unsere Welt aus und gehört in die Gesellschaft. Das glückliche sowie friedliche Zusammenleben aller ist ein Grundwert unserer Gesellschaft und schützenswert. Dazu gehört es eben auch, den Menschen, die eine Beeinträchtigung haben, unter die Arme zu greifen und sie so zu unterstützen wie sie es brauchen und wollen, um teilhaben zu können.

In einem Sozialstaat wie Deutschland gibt es für viele Lebensumstände die Möglichkeit Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen. Die Werkstatt für behinderte Menschen ist so ein Angebot. Hier erhalten Menschen, die wegen der Art oder Schwere ihrer Behinderung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein können, die Chance eine angemessene berufliche Bildung und Beschäftigung zu erlangen und am Arbeitsleben teilzuhaben. Die Teilhabe am Arbeitsleben nimmt dabei einen besonders hohen Stellenwert ein, denn über die Existenzsicherung hinaus verschafft Arbeit soziale Anerkennung und einen Platz in der Gesellschaft.

Beim Lebenshilfewerk Ilmenau/Rudolstadt e.V. sind aktuell etwas mehr als 400 Menschen mit Behinderung im Arbeitsbereich bzw. im Berufsbildungsbereich an vier Standorten tätig. Viele von ihnen sind langjährig im Unternehmen und fühlen sich wohl. Es gibt auch jene, die unzufrieden sind und gehen. Manche kommen wieder und es gibt vereinzelt die, die den Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt mit Hilfe des Budgets für Arbeit, sofern zusätzlich die Hürden der Bürokratie überwunden sind, geschafft haben. Der Großteil bleibt und Beiträge aus den Medien, die sich mit der Forderung nach der Abschaffung von Werkstätten befassen, machen nicht nur den Menschen mit Beeinträchtigung Angst, sondern auch den angestellten Fach- und Unterstützungskräften, die den Rahmen für die tägliche Arbeit in der Einrichtung bilden.

Podiumsdiskussion

Foto: Lebenshilfewerk Ilmenau/Rudolstadt e.V.

Aus diesem Grund hat das Lebenshilfewerk Ilmenau/Rudolstadt e.V. am 28. Februar 2024 zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Zukunft der Werkstätten“ eingeladen und Frau Katja Heinrich, Geschäftsführerin der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung – Landesverband Thüringen e.V. als Gesprächspartnerin gewinnen können. Der Einladung folgten knapp 50 Menschen. Neben Beschäftigten mit verschiedenen Beeinträchtigungen, dem gesamten Werkstattrat beider Standorte, Mitarbeitern aus allen Bereichen der Werkstätten, nahmen auch der Vorstand, der Verwaltungsrat, die Werkstattleiter sowie die Elternvertreter und Ehrenamtliche an der Gesprächsrunde teil. Es war allen Beteiligten ein großes Anliegen zuzuhören, aber auch gehört zu werden und dadurch die im Raum stehende Angst zu beseitigen. So wurde in der etwa 2-stündigen Diskussion zum Ausdruck gebracht, dass Publikationen, wie der Artikel „Für Inklusion sollten alle gemeinsam kämpfen“ – erschienen in der Dezember-Ausgabe 2023 der Lebenshilfe Zeitung –, welcher die Schließung von Werkstätten befürwortet, zu großen Verunsicherungen und Ärger führen. Es wurden viele Fragen besprochen.

Auf Augenhöhe wurde diskutiert, ob es einer Veränderung bei der Qualifizierung und Begleitung der Menschen mit Beeinträchtigung bedarf oder ob Werkstätten reformiert oder gar aufgelöst gehören. Auch der Standpunkt des Landesverbandes der Lebenshilfe zu Werkstätten wurde nachgefragt.

Die Erkenntnis „Nichts ist so beständig wie der Wandel“, hatte schon der griechische Philosoph Heraklit (535-475 v. Chr.) und so ist es auch noch heute. Alles entwickelt sich, alles verändert sich, demzufolge auch die Bedarfe von Menschen. Auf diese Veränderungen muss reagiert und entsprechende Anpassungen vorgenommen werden. Hierzu sind alle Beteiligten verpflichtet und sitzen gemeinsam in einem Boot. Es ist zwar ein Leichtes zu sagen, Werkstätten müssen geschlossen und alle erwerbsfähigen Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt platziert werden, aber das bringt das Boot zum kentern. Und die im Mittelpunkt stehenden Menschen mit Beeinträchtigung dürfen oftmals nicht einmal mitrudern. Es braucht ein Umdenken in der Gesellschaft und ein Miteinander.

Das Auflösen des Lebensraums Werkstatt ist nicht der richtige Ansatz, so sieht es auch Katja Heinrich, die auf die Frage, ob es Werkstätten weiterhin geben soll, mit einem klaren „Ja!“ untermauert. Sie sieht aber auch Handlungsbedarf bei den Werkstätten. Es sei wichtig, dass sich die Einrichtungen öffnen und das, was sie können und leisten, nach außen tragen. Das, auch oftmals von Medien vermittelte Bild von Menschen mit Beeinträchtigungen sei zu sehr auf eine körperliche Behinderung beschränkt. Dabei sei es dann keine Verwunderung, wenn die Daseinsberechtigung von Werkstätten bei der breiten Bevölkerung in Frage gestellt wird, wenn über die Abschaffung jener berichtet wird. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Stimme für diejenigen zu erheben, die ihre Probleme nur schwer eigenständig darbringen können und eben nicht in der Lage sind, beispielsweise zu studieren, zu Lehren oder in die Politik zu gehen. Nur durch eine ständige Präsenz, können auch Außenstehende verstehen wie das Werkstattleben funktioniert. Es geht nicht vordergründig um Produktion und Stückzahlen. Es geht vielmehr um Teilhabe, um ein soziales Miteinander. „In der Werkstatt bekommen wir alles was wir brauchen“, bestätigen Sabine Voigt und Doreen Hickethier, die froh sind, in der Werkstatt eine Beschäftigung gefunden zu haben. Ohne Werkstätten, so ist sich Katja Heinrich sicher, würden viele der sonst dort betreuten Menschen, vereinsamen, die Selbstverantwortung und den Anschluss an die Gesellschaft verlieren. Es liegt neben dem Angebot der Beschäftigung in der Werkstatt in der Verantwortung politischer Entscheidungsträger bessere Voraussetzungen für Möglichkeiten der Teilhabe am Arbeitsleben und der Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu schaffen, hier reicht es nicht aus, lediglich die Ausgleichsabgabe zu erhöhen. Die Unternehmen stehen ebenso in der Verantwortung gemeinsam mit allen Akteuren Möglichkeiten der Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigungen anzubieten.
Das Werkstätten wertschöpfend sind und eine positive Sozialbilanz aufweisen, hat bereits im Jahr 2014 die veröffentlichte bundesweite SROI -Studie (Social Return on Investment) der BAG:WfbM gezeigt. Demnach erzeugen Werkstätten ein deutliches Plus für die Gesellschaft. „Werkstätten und ihre Mitarbeiter führen Steuern und Sozialbeiträge ab, Werkstätten vermeiden an anderer Stelle Kosten für die öffentliche Hand und sie erzeugen direkte und induzierte wirtschaftliche Effekte für die Regionen. Hochgerechnet verschaffen Werkstätten der öffentlichen Hand pro Jahr Einnahmen und Einsparungen in Höhe von etwa 6 Milliarden Euro im Vergleich zu Investitionen in Höhe von 5,6 Milliarden Euro. 100 Euro, die in Werkstattleistungen investiert werden, erzeugen also eine Wertschöpfung von 108 Euro“1.

Für die Akzeptanz von Werkstätten reicht die Werbung nach außen allein nicht aus, hier braucht es politische Entscheidungsträger, die für die Menschen mit Beeinträchtigungen einstehen, bestehende Gesetze reformieren und neue Gesetze für das Wohl der Schwächeren schaffen. Politiker sollten nicht nur dann aufhorchen, wenn es um Wahlkampf geht, sondern allgemein ein offenes Ohr für die in einer Werkstatt tätigen Menschen mit ihren Anliegen haben. Ein großer Wunsch besteht ebenfalls darin, so zeigte es die Diskussion, Entscheidungsgrundlagen gemeinsam vorzubereiten, auch wenn es nur ein Gespräch vor dem Fällen von Entscheidungen ist. Die Teilnehmenden der Diskussionsrunde baten alle Verantwortlichen in Kreis, Land und Bund, sich für die Beibehaltung des Wunsch- und Wahlrechtes in Bezug auf Bildung und Beschäftigung zur Verwirklichung der Teilhabe am Arbeitsleben einzusetzen.

Die Podiumsdiskussion im Lebenshilfewerk Ilmenau/Rudolstadt e.V. zeigte, dass es notwendig ist miteinander zu reden. Die anfängliche Angst und Unsicherheit, die der o.g. Beitrag bei den Beteiligten ausgelöst hatte, konnte im Laufe des Gesprächs ausgeräumt werden. Die Sorge, dass Werkstätten in naher Zukunft geschlossen werden, ist kleiner geworden. Alle Anwesenden sind sich der gemeinsamen Verantwortung und Aufgabe bewusst, gute und gelingende Angebote zur Teilhabe am Arbeitsleben für alle Menschen mit Beeinträchtigung zu schaffen und zu erhalten.


Verfasser: Martina Gaspar, Lebenshilfewerk Ilmenau/Rudolstadt e.V.

1  BAG:WfbM: „Mehr Wert als man denkt“ – Bundesweite Studie berechnet Sozialbilanz von Werkstätten